Eastern European Collectors
Knoll Galria Budapest

 

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Patrick Schmierer


Bild im Aufbau

 

28. Januar - 27. März 2010.

 

Der junge österreichische Künstler Patrick Schmierer (geb. 1972) lädt ab 28. Jänner 2010 in der Knoll Galéria Budapest in seine experimentelle und abstrakte Farb- und Materialwelt ein.

In seinen Bildern beschäftigt sich Schmierer nicht nur mit linearen Strukturen, Form- und Flächenbeziehungen, er begibt sich auch an den Anfang jedes Bildes – den Bildträger an sich. So „spannt“ er Leinwände schon mal mittels Magneten und überführt die „statische vorstellung eines tafelbildes in seiner fixiertheit in eine dynamische, wandelbare […]“1. Die entblößte Leinwand scheint vor Schreck Falten zu schlagen. Dies ist ganz im Sinne Schmierers, der den Bildträger gerne auf seine dreidimensionalen Qualitäten prüft. In den kleinformatigeren Arbeiten auf Holz lässt er Acryllack aus einem Loch am oberen Bildrand bedächtig das Farbfeld hinunterfließen. Die Hartfaserplatte suggeriert ein Innenleben, das nur darauf wartet freigesetzt zu werden, ausbrechen zu können. Der Erguss der Farbe, der Prozess des Fließens wird erst durch die Begrenzung der Bildfläche gestoppt, an dessen Rand sich gehärtete Farbtropfen in den freien Raum wagen.

Mit dem Verlauf der Linie experimentiert Schmierer auch in anderen präzise ausgeführten Arbeiten, in denen er die mit Spritzen aufgetragene Farbe den Bildträger entlang fließen lässt - einerseits gesteuert durch den Künstler selbst, andererseits dem Zufall der Schwerkraft überlassen. Die Fließrichtung und den Einfluss der Gravitation negiert er durch eine entsprechende  Hängung. Die künstlerische Handschrift wird gänzlich ausgeschaltet, dennoch tritt sie evident zu Tage: durch das Material, durch die Farbe. Dabei knüpft Schmierer an konstruktivistische Überlegungen an, die sich mehrfach in seinem Werk widerspiegeln: Die gegenstandslose Formensprache als „Nullpunkt“, wie sie Malewitsch propagierte. Nicht der reale Gegenstand, sondern die Farbe sei der Ursprung der Malerei, so Malewitsch. Das Ausloten der Übergänge vom Bild zum Objekt, sowie das Material als Bedeutungsträger sind zentrale Punkte in der frühen abstrakten Kunst.

Wesentlich ist auch die experimentelle Grundhaltung gegenüber Medien, Techniken und Materialien. Das zeigt Schmierer in seinen Thermolackarbeiten, die auf die Raumtemperatur reagieren oder den Besucher einladen eine Botschaft zu hinterlassen, welche nach einiger Zeit wieder verschwindet. So erfindet sich das Bild immer wieder selbst neu - passend zur konstruktivistischen Philosophie, wonach sich jeder selbst seine Wirklichkeit im Kopf konstruiert. Die tragende Rolle kommt dem Bildträger zu, nicht dem Inhalt. So fragt sich auch Derrida: „... warum gerät das Wort „Material“ nicht außer Atem, warum haucht es nicht mit der Erinnerung, die ihm innewohnt, seinen letzten Atemzug aus? Wenn es also nicht verschwindet, so ist das wohl kein Zeichen der Unsterblichkeit, sondern dafür, daß es noch nachhallt wie eine Münze, ein Tauschmittel, das die Geschichte seines eigenen Konzeptes in sich trägt, eine Hommage an die ‚Tradition der Moderne’“2.

Auch der Titel der Ausstellung „Bild im Aufbau“ verweist auf die experimentellen Aspekte in Schmierers Werken und ist einem Bildtitel Malewitschs entlehnt. Kunstgeschichtliche Bezüge und Zitate quer durch die abstrakte Kunst finden sich in Schmierers Arbeiten vielfach, ohne sich jedoch einer konkreten Formensprache unterzuordnen. Vielmehr ist es ein spielerisches Crossover, das die oft strenge/geknebelte geometrische Kunst subtil auflockert.

 Text von Ulrike Payerhofer

1 Patrick Schmierer, twitch (Werkkatalog), S. 3

2 Jacques Derrida, Material, in: Materialästhetik, Quellentexte zu Kunst, Design und Architektur, Dietmar Rübel (Hg.), Dietrich Reimer Verlag, 2005, S. 337.